Als Volunteer in Nepal

von Benjamin Diez

 

Vor fünfeinhalb Wochen bin ich in Kathmandu gelandet, und mein neuer Heimatort inmitten dieser grünen Berge, er ist mir mittlerweile so vertraut, dass mein Leben hier bereits routiniert seinen Gang nimmt. Teil dieser Routine ist (das habe ich schnell erfasst), dass wenig planmäßig verläuft. So kann es durchaus passieren, dass ein Englischlehrer auf dem Weg zu seiner kleinen Bergschule in dem weichen Morast der Straße, die mithilfe einer Vielzahl schwerer Ochsen umgepflügt worden sein muss, versinkt und ausgleitet, so dass er seine schlammbedeckten Arme und Beine zunächst in einem Wasserfall zu reinigen versucht, bevor der junge Mann mit bräunlichen Sprenkeln bedeckt auf dem weiteren Weg zu seiner Arbeitsstätte aufmunternd dem ein oder anderen erfolglos anzufahren versuchenden, aber erfolgreich fluchenden Besitzer eines tief im Straßenbett versunkenen Jeeps zuwinkt und versucht, durch die Luft geschleuderten Erdklumpen der wild im Boden rotierenden Räder auszuweichen.
Mein Schulweg ist unterhaltsam, jeden Tag ist es ein anderes Fahrzeug, dessen Reifen geplatzt, dessen Abschleppseil gerissen oder dessen Motorhaube in den schlammigen Untergrund eingetaucht ist.
Ebenso ungeregelt wie der Hin- bzw. Rückweg läuft das Leben in der Schule an sich ab. Auf meine zum Ende der ersten Woche gestellten Frage hin, wann der Schulleiter denn in etwa wieder unter uns weilen werde, antwortete der stellvertretende Schulleiter Chandra mit einem herzlichen Lachen: “Benni, Sir, he’s the Headmaster, I’m just a teacher, I don’t know anything!”. An das “Benni, Sir” habe ich mich bis heute nicht gewöhnen können, es gehört wohl aber zu meiner Stellung als Volunteer und Kollege, sodass ich diese Kombination aus Spitzname und höflicher Anrede täglich einige hundertmal zu hören bekomme.

 

Disziplin ist im Übrigen ein sehr dehnbarer Begriff an meiner Schule. So wird zu Beginn eines jeden der sechs Schultage (nur am Samstag ist schulfrei) ein militärischer Aufmarsch bereitet, in dessen Verlauf sich die Schüler ihren Klassenstufen gemäß aufreihen, zu Trommelschlägen stampfen, hundertstimmig ihre Nationalhymne singen und anschließend, dem Takt der Trommeln folgend, im Gleichschritt in ihre Klassenräume marschieren, wo sie ihren jeweiligen Class-Song zu grölen beginnen. Dieser morgendlichen Einheit strenger Regelbefolgung folgt eine Phase tiefer Entspannung, die auch vor den Lehrkörpern nicht halt macht, auch wenn diese durch Tätigkeiten wie angeregtes Unterhalten oder das Ausprobieren neuer Töne auf dem Keyboard stets “lots of work” haben. Ist diese kreative, meist 20-minütige Schaffensperiode beendet, warten in den Klassenräumen eine Vielzahl neuer Herausforderungen. Schon beim Betreten einer dieser kleinen, schäbigen Räume kann es passieren, dass kleinere Raufereien zwischen oftmals männlichen Schülern geschlichtet werden müssen. Einmal begleitete ich einen stark aus der Nase blutenden Viertklässler zu der Wasserstelle des Schulgeländes (die aus einem aus dem Boden führenden Schlauch besteht) und wollte, nachdem die Blutung nach zehn Minuten schließlich gestillt war, von ihm die Ursache des Zwischenfalls erfahren. Es sei beim Lesen passiert.
Ansonsten sind meine Schüler grundsätzlich friedlich gesinnt, und der Unterricht geht gut voran. Ich halte an meiner Vorgabe, die Schüler wenig lesen und dafür umso mehr sprechen zu lassen, fest und kann an die älteren Schüler nun sogar Fragen im simple past richten. Neuerdings versuche ich außerdem, das sich momentan im Land bildende demokratische Grundverständnis mit Maßnahmen wie dem Abstimmen über das Öffnen oder Schließen der alten hölzernen Klassentür mittels einfacher und gleichzeitig stets absoluter Mehrheit zu verfestigen (ich hoffe, das klingt nach einem über Wochen hinweg detailliert ausgeklügelten Unterrichtskonzept und nicht etwa nach einer spontan entstandenen Idee, die nun zwecks einer Selbstdarstellung des Autors mit hübschen Worthülsen billig vergoldet der Leserschaft wie ein pompöses, glitzerndes Schmuckstück präsentiert wird). Als sich für beide Optionen eine gleiche Anzahl an Befürwortern ergab (darauf wollte ich hinaus), schlugen ein paar kluge Köpfe eine Mischung der bereits gelernten Begriffe vor und nannten das Ergebnis an der Tafel “Minjority”, worüber ich mich sehr freute, weil die Kinder offenbar verstanden hatten, worum es mir bei diesem Abstimmen über Banalitäten überhaupt ging.

Es gibt Stunden, vor allem in meiner dritten Klasse, in denen ich große Schwierigkeiten habe, die Aufmerksamkeit aller Schüler zu behalten. Die Horde Chaos stiftender Jungs vermag ich noch immer nicht zu bändigen, an Versuchen habe ich es nicht fehlen lassen. Mir bleiben oft nur zwei Wege, mit dieser Klasse Unterricht zu betreiben, die beide alles andere als zufriedenstellend für mich sind: der eine ist, die Jungs toben zu lassen und mich beim Unterrichten auf die braven Mädchen zu konzentrieren; der andere ist, jeden einzelnen der ständig balgenden, aufspringenden und herumrennenden Jungs nach vorne an die Tafel zu holen, Einzelunterricht mit ihnen zu machen und dabei die Mädchen zu vernachlässigen. Ich habe bisher versucht, einen Kompromiss aus beiden Optionen zu finden, musste aber häufig den zweiten Weg wählen, da die männlichen Klassenkameraden meistens sehr viel länger als die Mädchen brauchen, um meine Aufgaben umzusetzen. Dies führt dazu, dass ich insgesamt deutlich langsamer vorankomme, als ich es mir wünsche. Trotzdem mag ich diese Klasse, und ich mag diese wilden Jungs, die keineswegs untalentiert sind, sondern lediglich keine Disziplin zeigen (wollen). Wie ich es fast erwartet hatte, stellte sich heraus, dass gerade die größten Chaoten dieser Klasse die schönsten Stimmen besitzen, und wenn ich sie im Musikunterricht mit Lobeshymnen überschwemme, dann können und wollen diese Jungs auf einmal ganz vorbildlich meinen Anweisungen folgen, dann geschieht es gar, dass sie einen quatschenden Mitschüler zurechtweisen, obwohl mir dessen Stören nicht einmal aufgefallen war. Ich glaube, dass diese Jungs mich ebenfalls mögen, auch wenn ich im Ton ihnen gegenüber oftmals etwas rau werde. So haben sie mich nicht nur einmal mit Blumen überrascht, die sie mir entgegenstreckten, und sich lachend auf den Boden geworfen, um die Blüten aufzuheben, die mir aus den vollen Händen gefallen waren. Bishnu erzählte mir eines Abends, dass er auf seinem Projektgelände einen Drittklässler getroffen habe, der ihm erzählt habe, wie sehr ihm der Unterricht von “Benni, Sir” gefalle und dass er seinen Lehrer sehr möge. Es stellte sich heraus, dass es ein Junge war, den ich einige Male zuvor wegen seines Verhaltens besonders scharf angefahren hatte, und genau dieser Junge ist es, der nun eifrig bemüht ist, meine Aufgaben zu erledigen.
Meine anderen fünf Klassen sind deutlich pflegeleichter als die Drittklässler, ich mag sie alle auf ihre Art, genauso, wie sie mir zu verstehen geben, dass sie mich mögen. In meiner siebten Klasse ist es mittlerweile ein Stundenritual, mich mit so vielen Blumen zu überschütten, dass ich zweimal laufen muss, um alle ins Lehrerzimmer zu transportieren. Stolz zeigen sie ihre selbstgemalten Bilder an den Wänden, einer der Jungs malte mir ein Blatt voller Rosen (meine Lieblingsblumen), und oft fragen sie gespannt, ob ich ihnen nicht etwas auf dem Keyboard vorspielen möge. Diese Frage erklingt ebenfalls täglich im Raum meiner fünften Klasse, und mit stürmischer Begeisterung probieren sie, die einfachen Melodien zu spielen, die ich ihnen beizubringen versuche. Auch die Fünftklässler, meistens die fünf Mädchen der Klasse, überhäufen mich mit Blumen, am letzten Schultag vor den Dhasein-Ferien zog jede der Schülerinnen freudestrahlend ein paar selbstgebundene Blumenkränze aus ihrer Tasche, um mir den schweren, bunten und duftenden Schmuck laut lachend um den Hals zu legen. Es war einfach nur rührend.
Die Erst- und Zweitklässler, mit denen ich Musik mache, lassen sich weiterhin mit der Musik, die ich ihnen mitbringe, begeistern; wenn sie mir auf dem Schulhof über den Weg laufen, dann singen sie “If you’re happy and you know it”, klatschen in ihre winzigen Hände, schreien “HURRRRRAAH!!” oder springen in die Luft).
Vor zwei Wochen wurde jede Klasse der Schule aufgefordert, in Schriftform ein Feedback zu Leben und Unterricht an der Sekar Sing School zu geben. Es fiel durchaus positiv aus, unter anderem meinten die Kinder, dass Englisch das beste Unterrichtsfach von allen sei – ein großes Lob für Mr. Rai und mich, über das ich mich sehr gefreut habe. Ich habe trotz meiner Schwierigkeiten in der dritten Klasse das Gefühl, an dieser Schule den richtigen Ansatz gefunden zu haben, was Unterrichtsmethode, aber auch Umgang mit den Schülern betrifft.
Der angesprochene Mr. Rai, eigentlich Labun (Lehrer duzen sich für gewöhnlich), ist ein hochinteressanter Mensch. Er ist erst 23 Jahre alt und damit der zweitjüngste (momentan drittjüngste), wohl aber ehrgeizigste Lehrer an der Schule. Er ist der erste, der morgens das Lehrerzimmer verlässt, und selten sieht man ihn sich zwischen den Unterrichtsstunden eine Verschnaufpause gönnen. Labun hat früher als radelnder Keksverkäufer in Kathmandu sicher ein Vielfaches seines jetzigen Gehalts verdient, ist sich jedoch der Bedeutung von Bildung für den Fortschritt seines Landes deutlich bewusst, sodass er nach der Schule in jeder freien Stunde liest und lernt, um nächstes Jahr in Kathmandu zu studieren. Fasziniert von Geschichte und Politik, fragt mich der junge Mann oft nach wichtigen Daten und Persönlichkeiten der deutschen Vergangenheit und Gegenwart, bevor er das Gesagte dann stets mehrfach leise wiederholt, um es nicht zu vergessen. Es macht Spaß, mit ihm über bedeutende Menschen und ihren Einfluss auf die Weltgeschichte zu diskutieren. Labun interessiert sich stark für den Kommunismus, auch wenn er kein Mitglied der in Nepal durchaus populären Maoist-Party ist; da ich als Verfechter von Demokratie und Kapitalismus einen sich grundsätzlich von dem meines Kollegen unterscheidenden politischen Standpunkt und andere gesellschaftliche Werte in mir verankert habe, ergeben sich sehr gewinnbringende Auseinandersetzungen zu der Frage, wie Menschen zusammenleben sollen und können.


 

Ausgesprochen gut verstehe ich mich zudem mit dem immer lächelnden und scherzenden Chandra, mit seinen 35 Jahren der zweitälteste Lehrer der Schule. Er ist der mit Abstand begabteste Schüler, den ich als Gelegenheits-Deutschlehrer hier in Nepal hatte. Ich fiel fast vom Hocker, als mir der Mann akzentfrei die Zahlen von eins bis dreißig nachsprechen, ohne Mühe die fremden Umlaute in “fünf” oder “zwölf” (normalerweise “fump” und “dsiwolf” ausgesprochen) und sogar unser “r” und “ß” in “dreißig” (allgemein ein spanisch, fast fränkisch ausgesprochenes “drrrreisig”) sowie das mörderische “ch” in “sechzehn” oder “achtzehn” (das hierbei bei der nepalesischen Aussprache meist entstehende “Akt seh’n” könnte in Deutschland durchaus zu Missverständnissen führen) in Perfektion meisterte.

 

An Gastfreundschaft lassen es meine Gasteltern nicht mangeln. Eher im Gegenteil, ihre Großzügigkeit bei den gemeinsamen Mahlzeiten gefährdet meine Gesundheit. So gutmeinend mich gerade meine Gastmutter zu bewirten gedenkt, so ausgesprochen wohlschmeckend die Mahlzeiten an sich auch sind, bringt mich das unaufhörliche und schlichtweg nicht zu verhindernde Aufladen von Essen auf meinen abschreckend großen Teller täglich in große physische Not. Dringender Handlungsbedarf lässt Menschen erfinderisch werden. So wählte ich zunächst einen wissenschaftlichen Ansatz und versuchte, den Prozess der allmorgend- und allabendlichen Überfütterung durch bloße Beobachtung zu analysieren, um das Problem schließlich an der Wurzel bekämpfen zu können. Das jeden Tag servierte Gericht Dhaal-Bhaat besteht aus sehr viel Reis, sehr viel Linsen und sehr viel Gemüse, manchmal auch sehr viel Kartoffeln. Ich stellte früh fest, dass jeweils der Bestandteil meines Essens als erstes Nachschub bekam, der im Vergleich zu den anderen beiden schneller zu schwinden schien. War einer dieser Bestandteile nun wieder in ursprünglichem Umfang auf meinem Teller, wurden die anderen beiden aufgefüllt, da diese nun im Vergleich zum ersten Bestandteil zu geringeren Anteilen vorhanden waren. Dabei schien ein Bestandteil häufig versehentlich in zu großem Umfang auf dem Teller zu landen, woraufhin die anderen beiden Teile konsequenterweise an diesen angeglichen werden mussten. Diese Spirale ließ sich beängstigend lange weiter drehen, doch glaubte ich, endlich eine Lösung gefunden zu haben: Wenn ich peinlich genau darauf achtete, meine Linsen, die Gemüsebeilage und den Reis zu genau gleichen Anteilen zu essen, könne es erst gar nicht zu dem beobachteten Angleichungs-Prozess kommen.
Es genügt, wenn ich sage, dass sich meine Strategie als falsch erwies.
So begnüge ich mich nun mit einer Symptombekämpfung, die wie folgt aussieht:
Ich gebe meiner lieben Gastmama meinen Sättigungsgrad in mehreren Stufen zu verstehen:
Die erste Stufe (“Bellatrix”) ist erreicht, wenn nach zumeist einem Dreiviertel-Teller Dhaal-Bhaats ein unangenehmes Drücken in der Magengegend die Aufnahme weiteren Essens erschwert. An diesem Punkt angelangt, lasse ich an meine liebe Gastmama gewandt ein nepalesisches “Hoina, Dhanyabad!” (Nein, danke!) verlauten, wenn diese mit einem Teller neuer Nahrung vor mir erscheint. Die Erfolgsaussichten einer Ablehnung in Stufe 1 sind verschwindend gering.
Kennzeichnend für Stufe 2 (“Grindelwald”) ist, wenn nach eineinhalb Tellern Reis, Linsen und Gemüsebeilage stechende Schmerzen im Bauch auftreten. Ein Vornüberbeugen wird vermieden. An dieser Stelle versuche ich mithilfe eines psychologischen Schachzugs die gastfreundliche Härte meiner lieben Gastmutter zu erweichen, indem ich sie in Sherpa, ihrer Muttersprache, anspreche, ein eindringliches “Thutshe-Thutshe-Thutshe!!” (Danke, danke, danke!!) an sie wende und mein Anliegen mit einem entschiedenen Kopfschütteln deutlich mache. Da es in Sherpa anscheinend kein deutliches “Nein” gibt, sondern dieses mit einem Ausdruck der Zustimmung (danke) zu verstehen gegeben wird, sind die Erfolgswerte einer Ablehnung in Stufe 2 ebenfalls gering.
Die dritte Stufe (“Voldemort”) unterscheidet sich von der zweiten durch ein zusätzlich verspürtes Drücken am Zäpfchen. Mit erhobenem Kopf und geöffnetem Mund wird Luft zu holen, Essensnachschub mit einem scharf hervorgestoßenen “Mäh!!!” (Genug!!!) zu verhindern versucht. Die Erfolgsaussichten liegen bei mittlerweile fast 50 Prozent.
Vierte und letzte Stufe (“Dobby”) wird durch panisch unkontrolliertes Verhalten meinerseits charakterisiert, wie es häufig in lebensbedrohlichen Situationen bei Menschen zu beobachten ist. Hysterisches Kreischen wird durch Phasen leisen Wimmerns unterbrochen, während ich auf den Boden niedersinke und mich in ein Tischbein verbeiße, um keine weitere Nahrung mehr zu mich nehmen zu können. Meine liebe Gastmama stellt an dieser Stelle häufig eine Schüssel Linsensuppe vor mich auf den Boden.

Ich kann mich mehr als glücklich schätzen, mich über das Problem eines zu großen Angebots an Nahrung beschweren zu dürfen, wo auf dieser Welt Abermillionen Menschen Hunger leiden. Doch spricht mir ebendieser Umstand ins Gewissen; seit Jahren ist es mein Vorsatz, meinen Teller leer zu essen, und dieser Vorsatz zwingt mich auch hier, täglich die mir vorgesetzten Reismassen zu vertilgen. Bishnu und Suraj bereiten, um den von meiner Gastmama servierten, kaum zu bewältigenden Dhaal-Bhaat-Bergen zu entgehen, aber wohl auch aus Kostengründen, in ihrer selbst eingerichteten Küche auf einem Gaskocher ihr eigenes Essen. Unvergessen ist der Augenblick, als Bishnu für meine Gastmutter kochte und, nachdem diese gesättigt ihr Mahl beinahe beendet hatte, auf sie zuschritt, mit diabolischem Glimmen in den Augen ihre abwehrenden Gesten überging, ihren Teller wieder voll auffüllte und mir anschließend lachend zuzwinkerte.

 

Was ich in der bevorstehenden, einmonatigen Festzeit tun werde, steht noch nicht genau fest. Ich habe vor, der ein oder anderen Einladung meiner lieben Lehrerkollegen nachzukommen, mit dem an früherer Stelle erwähnten jungen Guide Jyangme für zwei Wochen wandern zu gehen und anschließend für ein oder zwei Wochen an einer von hier eineinhalb Stunden entfernten Klosterschule junge buddhistische Mönche zu unterrichten. Doch wann genau was geschieht, vermag ich lediglich so zu beantworten: “It’s not sure”.
Ja, ich bin hier angekommen!

 

Ohrenbetäubendes Dröhnen umschallt meine zart geformten Ohrmuscheln, während ich mich zu entsinnen versuche, ab welchem Schalldruckpegel langfristige Schäden im Gehörorgan zurückbleiben. Gerade, als ich interessiert abwäge, welches der Musikinstrumente meine zukünftigen Hörfähigkeiten wohl am stärksten gefährde – ist es die linke oder rechte zweieinhalbmeterlange Dungchen-Trompete, ist es eines der durchdringend tönenden Muschelhörner, vielleicht eines der großen, aneinander geschlagenen Römpo-Becken, oder kann es doch der unentwegt donnernde Gong sein? – da werde ich von einbrechender Stille aufgeschreckt, die jedoch sogleich den tiefen Bassstimmen der jungen Männer vor mir weicht. Ich habe Erfahrung mit fremdartiger Musik, habe ich doch im Zuge einiger Hochschul-Konzerte bereits ausgiebig den Werken eines Morton Feldman oder Helmut Lachenmann lauschen dürfen, doch diese Musik im Gebetsraum des kleinen, wunderschönen buddhistischen Klosters, in dem ich neuerdings unterrichte, stellt wohl alles zuvor Gehörte in den Schatten. Ich bin beeindruckt, ohne Zweifel!

Die beschriebene Szene spielte sich am vergangenen Dienstag ab, nachdem ich das Klostergelände ursprünglich mit der Absicht betreten hatte, wie in den vorangegangenen Tagen Englischunterricht zu geben. Allerdings wurde mir von einem der freundlich lächelnden Mönche mitgeteilt, dass das gemeinsame Musizieren der neun Jungen sechs Stunden dauern und der Unterricht deswegen an diesem Tag wohl ausfallen würde. “Nichts darf in Nepal planmäßig verlaufen” – dieser Grundsatz ist wahrlich allumfassend und sollte daher als erster Abschnitt des ersten Paragraphs der nepalesischen Verfassung, über die in gut zwei Wochen abgestimmt wird, festgeschrieben werden.
Dabei verläuft meine Arbeit mit den jungen Buddhisten bisher so gut, wie ich es mir im Vorfeld nur hätte erträumen können. Das liegt vor allem an den Klosterschülern selbst: eine solch ruhige, fleißige und lernfreudige Klasse hat wohl noch kaum ein Lehrer unterrichten dürfen. Ich war zunächst fast ein wenig beunruhigt von der stillen Aufmerksamkeit und dem ehrlichen Interesse dieser jungen Mönche, war ich doch an herumrennende und kreischende Drittklässler der Sekar Sing School gewöhnt. Im Schneidersitz, die dunkelrot-lilafarbene Kutte um den Körper gewickelt, sitzen die immer freundlich lächelnden Jungen mit mir in einem Kreis auf dem Boden des Klassenraums und sprechen mir folgsam nach, schreiben unaufgefordert Sätze von der Tafel ab und hören mir zu, wenn ich spreche – und sie hören wirklich zu. Es gibt kein heimliches Getuschel, während ich etwas erkläre, keinen versteckten Stoß mit dem Ellbogen, kein Klauen irgendwelcher Schulsachen, keine Spötteleien; jeder der kurzgeschorenen Köpfe, jedes der freundlichen braunen Gesichter dieser jungen Mönche ist mir unentwegt zugewandt, und das zwei Stunden lang, von 13 Uhr bis 15 Uhr. Sie hören mir zu. Aufgrund dieser Arbeitsatmosphäre komme ich mit meinem Unterricht erstaunlich schnell voran; ich habe das Gefühl, dass diese Jungen, die mit ihren sieben bis siebzehn Jahren sehr unterschiedlich alt sind, in eineinhalb Wochen bereits annähernd so viel gelernt haben wie meine Grundschüler in fast sechs (was allerdings auch daran liegt, dass meine Klassen an der Sekar Sing School zum Teil doppelt so groß sind und ich dort täglich nur eine akademische Stunde unterrichte, im Kloster dafür zwei Zeitstunden am Stück). Doch beeindruckt mich an der Arbeit im Kloster am meisten, dass nicht nur meine Schüler von mir, sondern ich gleichermaßen von meinen Schülern lerne. Friedfertigkeit, Wärme, Freundlichkeit, aber vor allem innere Ruhe – diese Gaben haben meine jungen Schüler in ihrem Wesen verankert, und wenn ich Zeit mit diesen Menschen verbringe, habe ich das Gefühl, dass auch ich zur Ruhe komme. Ich werde nicht vergessen, wie Mr. Chokle, der dreißigjährige Mönch und einzige Lehrer des Klosters, mir ein verwundertes “bistare, bistare!” (langsam, langsam!) entgegenrief, als ich am ersten Unterrichtstag mit gewohnt schnellem Schritt auf ihn zuging, um ihn zu begrüßen. ‘Tatsächlich, wieso hetze ich eigentlich, habe ich nicht alle Zeit der Welt?’, fragte ich mich da selbst, und seit diesem ersten Tag setze ich mich mit diesem Mönch und dem ein oder anderen der Jungen vor jedem Unterrichtsbeginn in den Garten, trinke mit ihnen gemütlich eine oder zwei Tassen Tee, betrachte die wunderschönen Blumen, mit denen das alte und buntbemalte Klostergebäude umpflanzt ist, blicke an schönen Tagen auf zu den in der Ferne aufragenden schneebedeckten Gipfeln der hohen Berge und unterhalte mich mit den besonderen Menschen um mich herum. Auch nach Ende des Unterrichts verbringe ich oft noch eine weitere Stunde an diesem schönen Ort, spiele Fußball mit meinen Schülern, trinke neuerdings Tee und genieße auch einmal eine Nudelsuppe oder Champa, die mir die jungen Mönche so gerne zubereiten. Mir macht meine Arbeit solchen Spaß, dass mein Kopf auf dem fast dreiviertelstündigen Weg nach Hause oft gefüllt ist mit Gedanken an diese herzensreinen Menschen, mit denen ich die Stunden zuvor verbrachte.
Die Zeit scheint im Moment mit ungeheurer Geschwindigkeit voranzuschreiten und offenbar das Ende meiner Arbeit als Lehrer im Kloster und vor allem das Ende meines Aufenthalts in Nepal rasch herbeiführen zu wollen. Ich möchte mich an dieser Stelle daher mahnend, aber in Wahrheit bittend an die Zeit richten: Bistare, bistare!

 

Ich bin kein Mensch der Abschiede. Sehr selten empfinde ich in Momenten des Abschieds Wehmut oder Trauer, und häufig wundert mich das so sehr, dass ich aufgrund meiner Unfähigkeit, ausgerechnet in diesen so besonderen Momenten des Abschieds Emotionen zu empfinden, sogar meist grinsen muss.
Ich habe erwartet, dass es mit meinen Schülern genauso sein würde, dass ich von ihnen Abschied nehmen würde, ohne es richtig zu tun. Jetzt, wo ich vor der versammelten Schülerschar stehe und in diese vielen jungen und ehrlich glücklichen Gesichter schaue, da darf ich erleichtert feststellen: Es ist nicht ganz so. Zwar gelingt es mir nicht, wie ein Schlosshund zu weinen, wie es sicherlich viele mit ähnlichen Erfahrungen wie meinen bereits an ähnlicher Stelle getan haben und wie ich es selber gerne täte. Doch kann ich nicht leugnen, dass ich gerührt bin und dass mir kein schönerer Abschied hätte bereitet werden können. Es war schon bei den Mönchen bewegend, vor vier Tagen. Ich hatte am Anfang der letzten Doppelstunde mit den Jungen im Kloster angekündigt, dass wir an diesem Tag nur die erste Hälfte der Zeit Unterricht machen würden, in der zweiten wolle ich ihnen Bilder von meiner Familie, meinem zu Hause und meinen Freunden zeigen. Die gespannte Vorfreude bei den jungen Mönchen daraufhin war durchweg zu spüren, andauernd fragten sie, ob jetzt schon Zeit für die Fotos sei. Als ich den Unterricht schließlich aufhob, ließ ich die Jungen noch ein paar Minuten zappeln und verteilte eine Reihe von Stiften, Radiergummis und Anspitzern, die ich in ihre Hände legte – Hände, die wie immer bei allem, was ich ihnen je gegeben habe, sei es gar nur eine leere Teetasse, ein Stück Papier oder mein Talking-Pen, wie ein kleines Becken offen gehalten und in Erwartung einer Gabe dankbar und vorsichtig ausgestreckt wurden. Als ich schließlich mein IPad aus meinem Rucksack zog, war das Staunen angesichts dieses Geräts bereits groß, und dicht gedrängt hockten sich die jungen Mönche hinter mich, um jedes meiner Fotos darauf und meine Ausführungen zu ihnen zu verfolgen. Wiederholt bedankten sich die jungen Menschen bei mir, ein Dank, den ich nur zurückgeben konnte. Viel zu kurz hatte ich nur bei ihnen sein können, wieviel mehr Zeit hätte ich in dem wunderschönen Kloster verbringen wollen, dachte ich, als mir jeder der neun Jungen und Mr. Chokle schließlich jeweils ein Tuch zum Abschied und Dank um den Hals legte. Ich werde versuchen, ihr “bistare, bistare” noch über lange Zeit hinweg mitzunehmen.


 

Entgegen aller Erwartung verlief an der Sekar Sing School der erste Tag nach langer Ferienzeit erstaunlich ruhig. Ein Viertel der Schüler war anwesend, die Hälfte der Lehrer. Ob wir unterrichten würden, fragte ich. Nein, wir würden es nicht, antwortete der nette Chandra, dessen herzliches Lachen ich stark vermisst hatte. Wir würden beaufsichtigen. Nichtsdestotrotz wünschten die Kinder, Englischunterricht zu bekommen, und so bat ich alle, sich in einem Klassenraum zu versammeln. Ein Haufen aus fünf verschiedenen Klassenstufen saß nun vor mir, alle herrlich ruhig. Zwei Mädchen aus meiner siebten Klasse waren gar so ruhig, dass sie einschliefen. Grund für all diese außergewöhnlichen und für mich sehr amüsanten Geschehnisse an diesem ersten Schultag war zweifellos die vorhergehende Nacht, in der das Ende des geliebten Tihar-Fests zweifellos bis in die frühen Morgenstunden hinein gefeiert wurde – kein Wunder also, dass die beschauliche Anzahl der überhaupt erschienenen Lehrer und Schüler ihre zugeschwollenen Augen nur unter allzu größter Anstrengung offen halten konnte. Am Ende des darauffolgenden Tages, es war der gestrige, erinnerte ich meine Lehrerkollegen, dass der nächste Schultag bereits der letzte für mich an dieser Schule sein werde, bevor ich mich nach Kathmandu begeben werde. Zu meinem großen Entsetzen entschied sich die Regierung Nepals am späten Abend, einen Feiertag einer Bevölkerungsgruppe des Tarai-Gebiets ausgerechnet am heutigen Tag auf das gesamte Land auszuweiten, jener Tag, an dem ich mich von Schülern und Lehrern verabschieden wollte – es war zum Verzweifeln! Unbeirrt machte ich mich dennoch auf, um meiner Schule an diesem Morgen einen letzten Besuch abzustatten, in der Hoffnung, dass sich doch wenigstens einer der Schüler oder Lehrer ebenfalls dorthin verirren möge, um sich von mir zu verabschieden. Und tatsächlich, eine Handvoll Schüler stand dort, grüßte mich strahlend, mir wurde ein erstes Geschenk überreicht: einer der leckeren Roti-Kringel. Mein Schulleiter erschien, gefolgt von jenen Lehrern, die sich nicht noch in Kathmandu aufhielten. Und wie ein Lauffeuer schien sich nun auch unter den Schülern die Nachricht zu verbreiten, dass dies der letzte Tag des “Benni, Sir” sein würde, dass er gekommen sei, um sich von ihnen zu verabschieden. Und allmählich kamen sie, immer und immer mehr meiner Schüler, viele von ihnen mit Plastiktüten beladen, die, das sah ich bereits von Weitem, mit Blumenkränzen gefüllt waren.
So, wie sie mich nun anstrahlen, kann ich nichts anderes empfinden als Rührung und Dankbarkeit dafür, dass ich diese jungen Menschen kennenlernen und sie unterrichten durfte. Mr. Lalman, der Schulleiter, hält die erste Rede, Chandra als stellvertretender Schulleiter die zweite. Es gibt viel Applaus, bevor ich aufstehe, um zu erwidern. Ich spreche langsam, ich will, dass jeder der Schüler mich versteht. Es sind wenige, aber ehrliche Worte, Worte der Dankbarkeit und das Versprechen, diese Schule, meine Schüler und die Lehrer niemals zu vergessen. Das genügt. “Benni, Sir, he will never forget us!”, wiederholt und übersetzt Chandra meine letzten Worte mehrfach, und er kann sein stolzes Grinsen kaum verbergen.
Die Übergabe der Abschiedsgeschenke beginnt. Die Lehrer und einer der Dorfältesten legen seidene Tücher um meinen Hals. Die Schüler folgen, Blumenkranz folgt Blumenkranz, es ist ein herrliches Vergnügen für die Kinder, mitanzusehen, wie ich unter dem Berg aus Blumen allmählich verschwinde. Abschließend überreiche ich meinen Schülern wie den jungen Mönchen vor wenigen Tagen Schreibmaterialien, bis schließlich einer nach dem anderen nach Hause geht, um den verbliebenen freien Tag zu genießen. Mit den Lehrern sitze ich noch eine ganze Weile zusammen, wir trinken Tee, ich schreibe einen Dankesbrief an das gesamte Kollegium und an meinen Englischkollegen und Freund Labun, den ich nicht mehr habe sehen können. Auf dem Hügel oberhalb der Schule drehe ich mich ein letztes Mal um, schaue lange auf den Schulhof und diese heruntergekommenen, doch mir nun so vertrauten Schulgebäude um ihn herum, ich schaue in das dahinterliegende Tal, das unter dem wolkenlosen Himmel von der strahlenden Sonne beschienen wird; dann wende ich mich um und lasse diesen Teil meines Lebens hinter mir – es fühlt sich tatsächlich wie Abschied an.

 

 

 

Himalaya Care Foundation

Vorstand:
Nikola Geiger
Verena Wilkesmann
Dr. Walter Staaden

Kontakt

Büro Leun: 
Falkenstr. 19
35638 Leun
06473 - 93 10 21

Büro München:
Dachauer Str. 182
80992 München
0177 - 43 00 307