Let’s try it again!

von Verena Wilkesmann 

„Let’s try it again!“ lautete die Durchsage unseres Piloten, nachdem die erste Landung über dem nächtlich erleuchteten Kathmandu  nicht geklappt hatte. Ein ironisches Lächeln zuckte über unsere Mundwinkel, beim zweiten Versuch wird es schon klappen – mit mulmigem Gefühl im Bauch waren wir sehr glücklich, als die Maschine schließlich sicher auf der Landebahn aufsetzte.

Draußen vor dem Flughafengebäude herrschte hektische Stimmung, Polizisten trieben Menschen mit Knüppeln zur Eile an. Sonam und Dawa begrüßten uns trotz der Menschenmassen kurz und herzlich. Wenige Minuten später saßen wir in dem kleinen Minibus der Leading Stars School und fuhren nach Boudhanath.

Am ersten Tag planten wir unsere Route durch die Projekte und organisierten alles Notwendige in Kathmandu. Um vier Uhr früh am nächsten Morgen wurden wir von einem Jeep abgeholt. Mela, Katharina, Silvie, Sonam, Dawa und ich stiegen ein. Wir stellten uns auf eine gemütliche Fahrt in dem geräumigen Jeep ein, doch immer mehr Leute wurden in das Auto gepackt. Schließlich verließen wir Kathmandu mit vierzehn  Personen und zahlreichen Gepäckstücken, die auf das Autodach gespannt wurden. Die Strecke war recht unbefahren und der Jeep ruckelte langsam am Sunkosi-River entlang.  Wir saßen beengt und bemüht, uns bei Schlaglöchern nicht die Köpfe, Knie, Ellbogen zu stoßen und konnten nur wenige Blicke auf die wunderschöne Landschaft werfen. Nach ca. 16-stündiger Fahrt hatten wir unser ursprünglich geplantes Ziel Haleshi noch nicht erreicht, also übernachteten wir an unserem ersten Etappenziel Gurmi, wo wir eigentlich nachmittags den Jeep hätten wechseln sollen.

Eine riesige Hängebrücke spannte sich über den breiten Fluss. Der Jeep würde nun wieder zurück nach Kathmandu fahren und wir trugen unser Gepäck über die wackelige Brücke, auf der starker Verkehr durch die emsigen Träger herrschte, die unglaubliche Lasten von einem LKW zum anderen über den Fluss transportierten.  Erschöpft saßen wir schließlich auf einer überdachten Terrasse mit Blick auf den Fluss und bekamen unser Dhal Bhat serviert. Die Familie bei der wir wohnten war sehr freundlich und die kleine Tochter bezauberte uns mit ihrem Lächeln. Wir schenkten ihnen Knickarmbänder, die im Dunkeln leuchteten und waren damit die Attraktion des Abends. 

Erschöpft fielen wir dann in unsere Betten. Mitten in der Nacht stand plötzlich eine unserer nepalesischen Mitreisenden im Raum und leuchtete mir mit ihrer Taschenlampe ins Gesicht: „Verina, Verina – please help! There are so many black animals in my bed! What can I do? They bite me everywhere!“ Verschlafen reichten wir ihr Moskitospray und eine Salbe und hofften, die kleinen schwarzen Tiere mögen sich nicht ausbreiten.

 

Am nächsten Morgen ging es mit einem anderen Jeep weiter in Richtung Haleshi. Bei einem Zwischenstop packten wir wiederum unser gesamtes Gepäck und überquerten eine weitere Hängebrücke, immer schön im Gleichgewicht.  Auf der anderen Flussseite stiegen wir in einen weiteren Jeep um. Nach einigen Stunden erreichten wir dann endlich Haleshi. Dort erwartete uns der tibetische Arzt Amchi Sonam freudig und führte uns hinauf zu dem kleinen Klostergelände. Hier unterstützt die HCF eine kleine Klinik, in der Patienten mit traditioneller tibetischer Medizin behandelt werden.

 

Schnell spürten wir die Wasserknappheit hier oben. Das Kloster hat keine eigene Wasserversorgung und so schleppten die kleinen Mönche Wasser in Kübeln von einer ca. 1 km entfernten Quelle heran. Nach dem Mittagessen führte uns Amchi Sonam zu den nahegelegenen heiligen Höhlen, die uns sehr beeindruckten. Sie waren voller Fledermäuse, mystischen Steingebilden und magischen Orten, um die sich zahlreiche Sagen rankten.  Hier ziehen sich regelmäßig Mönche zum Retreat zurück.

In einem Gespräch mit Amchi Sonam diskutierten wir die Bedürfnisse des Klosters Maratika. Als größte Probleme stellten sich wie erwartet die schlechte Wasserversorgung und sanitären Anlagen heraus. Eine französische NGO „Shakti Nepal“ möchte ein größeres Klinikgebäude für Maratika bauen. Hier stellte sich die Frage, ob es Sinn macht, dass zwei Organisationen am selben Ort helfen, da an vielen anderen Regionen im Land Unterstützung so dringend ist.  Da wir Amchi Sonam schon während seiner Ausbildung zum tibetischen Arzt unterstützten und ihn seit vielen Jahren kennen, würden wir ein gemeinsames Projekt und ihn als vertrauensvollen Verhandlungspartner wertschätzen. Walter Staaden wird als Projektverantwortlicher die Situation bei seinem nächsten Einsatz prüfen. Da die Winter hier in Maratika sehr kalt werden, sagten wir eine Soforthilfe mit warmen Jacken für die 25 Mönchsschüler zu.

Wir übernachteten in den Klassenzimmern der Mönche auf dem Boden, die extra für uns liebevoll als „guest rooms“ umgestaltet wurden. 

Früh morgens wanderten wir am nächsten Tag los in Richtung unserer Projekte im Solu. Unterwegs empfahlen uns entgegenkommende Nepalesen einen „Shortcut“ nach Nele. Weder Sonam noch Dawa waren die Strecke schon einmal gelaufen, sie wollten den „Shortcut“ wagen. Die Sonne brannte und auf dem staubigen Weg gab es kaum Wasser oder Teashops. Wir schwitzten und sehnten uns nach jedem möglichen Getränk, unsere Reserven neigten sich dem Ende zu. Am späten Nachmittag waren alle sehr erschöpft. Wir machten Mittagspause in einem Ort, in dem gerade Markttag war. Wir kehrten bei einer Familie ein, die Dahl Bhat für uns kochen wollte. Und das taten sie auch: stundenlang wurde alles liebevoll zubereitet. Letztendlich war es auch köstlich, nur hatten wir sehr viel Zeit verloren und befürchteten unser Tagesziel wieder nicht zu erreichen.

Langsam wurde es dunkel und der Fluss, den wir überqueren sollten, war immer noch weit entfernt unten im Tal. Im Dunkeln wanderten wir mit unseren Stirnlampen durch glitschige Reisfelder. Immer wieder standen wir knietief im Wasser. Schließlich fragten wir bei einem alten alleinstehenden Haus an, ob wir übernachten dürften. Sie bedauerten, sie hatten nicht genug Platz und Essen, das sie uns anbieten könnten. Immerhin waren wir acht Personen, gemeinsam mit unseren Trägern. Und so wanderten wir noch knapp zwei Stunden weiter am Fluss entlang. Wunderschön waren die zahlreichen Glühwürmchen, die ein Lichtermeer über den Reisfeldern abbildeten.

Plötzlich rief eine der Mädels von hinten: „Brücke!!!“ Tatsächlich – direkt vor uns befand sich eine lange Hängebrücke. Auf der anderen Seite stand ein Haus, in dem wir übernachten durften. Wir waren völlig erschöpft, setzen uns lethargisch auf eine Pritsche und warteten auf unser Dhal Baht. Am liebsten hätten wir sofort geschlafen.  Das taten wir dann später auch, allerdings gab es für acht Personen nur fünf schmale Pritschen, aber dank unserer Müdigkeit stellte das kein großes Problem dar.

 

Am nächsten Morgen entdeckten wir fließend Wasser und wuschen uns begeistert mitten im Reisfeld den Staub von Hals und Gesicht. Die Kinder aus den umliegenden Häusern kamen zum Zähneputzen an die Wasserstelle und beäugten uns neugierig kichernd. Durch die saftig grünen Reisfelder wanderten wir weiter. Unterwegs sprach mich ein junger Lehrer der Schule in Chinde Bhadaure an. Sie bräuchten dringend Hilfe für die Schule. Wir unterhielten uns eine Weile und warteten auf Sonam. Es war ungewöhnlich, dass er soweit zurück fällt während einer Wanderung. Schließlich kam er und sah sehr erschöpft aus. Sein Handy wurde vermutlich gestohlen und er litt an starken Bauchschmerzen. Wir erklärten dem jungen Lehrer, dass wir diesmal seine Schule leider nicht besuchen können, werden uns den Ort aber merken, wenn unser nächstes Team in der Nähe ist. 

Langsam machte sich das Gefühl breit, dass wir auch die heutige Etappe nicht schaffen würden, obwohl wir sehr sportlich marschierten.  Es war bereits später Nachmittag und wir waren noch nicht einmal an unserem „Lunchpoint“ angekommen. Einer unserer Träger war schon vorausgelaufen, um Dhal Bhat zu bestellen, aber wir warteten trotzdem wieder über eine Stunde. Wir wanderten weiter. Nach Einbruch der Dunkelheit kehrten wir bei einer jungen Mutter und ihren beiden Töchtern ein. Ihr Mann arbeitet in Dubai, hat aber noch kein Geld schicken können. Sie ist ganz alleine für die Versorgung der Familie zuständig. Den ältesten Sohn haben sie zur Adoption nach Korea freigegeben. Eine unbegreifliche Vorstellung!

Wir saßen gemeinsam in der Küche bei offenem Feuer. Später übernachteten wir in einem kleinen Zimmer, Mela und ich bekamen diesmal die Betten, Katha und Silvie schliefen auf dünnen Bastmatten auf dem Boden.

„Let’s try it again!“ – Irgendwie musste ich an den Beginn unserer Reise denken, bislang brauchten wir fast immer zwei Anläufe, um unser Etappenziel zu erreichen. Ob wir es heute schaffen würden? Es wurde wieder eine sehr anstrengende Wanderung, viel bergab und wieder bergauf. Schließlich erreichten wir wieder den Fluss, überquerten die Hängebrücke und aßen Nudelsuppe, das ließ sich deutlich schneller zuberereiten als Dhal Bhat. Wenigstens heute wollten wir unser Ziel erreichen, die Zeit wurde langsam knapp. Im Dunkeln erreichten wir tatsächlich unser geplantes Nachtquartier. Hier trafen wir auch Yangme, der uns entgegen gewandert kam um morgen gemeinsam unser Schulprojekt in Nele, die Jogara Primary School zu besuchen.

 

Zum Frühstück gab es am nächsten Morgen Chapati und Kartoffeln. Nach einer kurzen Etappe erreichten wir Jogara. Leider ging es Sonam immer schlechter, daher war unser wichtigster Schritt, zunächst ärztliche Versorgung für ihn zu gewährleisten. Die Panik, die plötzlich unter den Nepalesen um sich griff, war für uns zunächst schwer nachzuvollziehen, aber durch die mangelnde medizinische Versorgung in den Bergen, haben viele schon schlimme Situationen miterlebt, in denen Hilfe zu spät kam.  Ein Jeep kam und Sonam wurde von vielen „helfenden Händen“ ins Auto gezerrt, das ihn ins Phablu Hospital bringen würde. Bei uns blieb ein mulmiges Gefühl. Wir sollten nun in der Jogara Primary School eine große Welcome-Zeremonie mitmachen. Die Stimmung war getrübt, durch Sonams schlechte Verfassung, aber die Schüler und Lehrer hatten sich lange auf diesen Tag vorbereitet und gefreut. Katharina filmte das Geschehen in Jogara um eine Dokumentation unserer Projekte vorzubereiten. 

Am Nachmittag besuchen wir gemeinsam mit unserem Projektmanager Yangme die Schule in Sekar Sing. Dort wurden wir durch die Klassenzimmer geführt und trafen die Patenkinder, die von HCF unterstützt werden. Wir tauschten Briefe der Kinder und ihrer Paten aus und fotografieren die Schüler. Alle Kinder waren wohlauf und fröhlich, obwohl sie lange auf uns warten mussten und es schon wieder dunkel wurde. 

Am Abend kamen wir bei Sonams Eltern in Garma an. Sonam und Dawa waren bereits zurück aus dem Krankenhaus und es ging ihm glücklicherweise besser. Bei Sonams Eltern wohnten zur Zeit auch Kathi und Felix, die in Garma gemeinsam mit den Kindern Video-Workshops durchführten. Wir verbrachten einen schönen gemeinsamen Abend und tauschten Erfahrungen aus. 

Den nächsten Tag verbrachten wir gemeinsam mit den gehörlosen Kindern und den Kindern, die im Hostel in Garma wohnten in der Schule. Es war unterrichtsfrei und so hatten wir die Möglichkeit, auch einmal außerhalb großer Zeremonien mit den Kindern zu sprechen, zu spielen und ihnen zuzuhören. Immer wieder beeindruckend ist die Dankbarkeit und Herzlichkeit, die uns die Kinder zurückgeben. Der englischsprachige Unterricht in Garma erleichtert die Kommunikation und auch die Kleinsten trauten sich schon, ein paar Worte mit uns zu wechseln. Mela freute sich sehr, hier ihr Patenkind Pasang persönlich kennenzulernen. Pasang besuchte seit einem Jahr die Schule für gehörlose Kinder und war begeistert, von seiner Patin so viel individuelle Aufmerksamkeit zu bekommen.

Am Samstag war dann Markttag in Salleri. Immer eine gute Gelegenheit, Projektpartner, Schüler und Eltern in einem anderen Umfeld zu treffen und zu plaudern. Einige Patenkinder brachten ihre Briefe mit auf den Markt, in der Hoffnung uns zu treffen. Selbstverständlich hatte ich auch die Briefe ihrer Paten in der Tasche und fand wieder viel Freude an meiner „Briefträgerin-Tätigkeit“. 

Am nächsten Tag war der „Welcome“ in Garma geplant. Hunderte Kinder standen aufgereiht mit Blumenketten und weißen Seidenschals bereit um uns zu begrüßen. Ich war schon ein wenig stolz, unter den vielen Kindern auch immer wieder einige mit Namen zu kennen. Attraktion des heutigen Tages war die Vorführung des Films, den die Kinder mit Kathi und Felix gedreht hatten, um einen Tag an ihrer Schule zu dokumentieren. Die Premiere von „One day in my school“ hatte riesigen Erfolg, und alle Dorfbewohner, die keinen Platz mehr im Raum fanden, pressten sich von außen an die Fensterscheiben. Wir schmunzelten und ließen Kathi und Felix mit ihren Fans in Garma zurück und wanderten weiter zurück  nach Pahblu.

Schließlich saßen wir frühmorgens am Flughafen in Phablu. Wie so oft, wenn es windig und bewölkt ist: banges Warten auf ein Flugzeug, das uns nach Kathmandu bringen sollte. Es sah schlecht aus, doch Sonams gute Kontakte zu den Mitarbeitern ließen unsere Hoffnung noch nicht schwinden. Tatsächlich hatten wir Glück: Ein Helikopter, der Ladung antransportierte nahm uns mit zurück nach Kathmandu! Ein wunderschönes Erlebnis, so nahe über die entlegenen Bergdörfer zu fliegen und eine neue Perspektive auf dieses Land zu bekommen, das ich nun schon so oft bereist hatte.

 

Himalaya Care Foundation

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